Ein Schiff im Schlick

Ein Schiff im Schlick

„Hast Du nächstes Wochenende Dienst?“ fragt mich der Mann an meiner Seite, während er eifrig auf die Tastatur seines Computers einhackt und der Drucker im Nebenzimmer das Papieräquivalent des Hambacher Forstes auswirft.

„Zum Glück nicht“, antworte ich, misstrauisch geworden. Was macht er da eigentlich?

„Okay, dann fahren wir erst nach Glückstadt, dann Fehmarn und dann wieder nach Glückstadt.“

„Gut,“ sage ich und frage „Warum?“

„Weil wir Schiffe besichtigen,“ antwortet er und drückt mir den ausgedruckten Papierstapel in die Hand, „ich hab mal was ausgesucht!“

Ich schaue auf das Foto des oberen Blattes des Stapels. „Das ist ein Segelschiff!“ bemerke ich überflüssigerweise. „Na klar, das war doch die Idee, damit können wir überall hin!!“

Die Idee aus dem Nachtdienst, die drei-Uhr-morgens-Idee scheint auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein…

Wochenende.

„Keine Ahnung, wo wir hier sind“ sage ich und schaue abwechselnd auf den ausgedruckten Zettel und die Anzeige des Navis. Ohnehin sind wir schon eine Stunde später als die verabredete Uhrzeit, da wir nicht mit der Warteschlange vor der Elbfähre gerechnet haben, die wir genommen haben, um Wartezeiten vor dem Elbtunnel zu vermeiden. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert…

„Das muss hier aber sein“ quengele ich. Wir suchen den Hafen von Ivenfleth, in dem das erste der drei ausgesuchten Segelboote zu Hause ist.

Laut Wegbeschreibung sollte sich an dieser Stelle der Parkplatz befinden. „Da ist die Einfahrt“ rufe ich und zeige auf einen unscheinbaren Kiesweg, an dem wir bereits mehrmals vorbeigefahren sind.

Wir parken unter einem Baum vor dem baufälligen Holzschuppen mit dem Schild „Hafenmeister“, ein erster Hinweis, dass wir den richtigen Ort gefunden haben.

Ein schmaler Weg führt uns durch ein Deichtor über Holzplanken, daneben raschelndes Schilf, ein paar Enten dümpeln friedlich auf dem Graben, die Sonne strahlt und es herrscht idyllische Ruhe.

Am Ende des Pfades steht ein kleines, reetgedecktes Häuschen mit einer Bank davor, dann geht es herunter zu den Stegen, an denen mehrere Segelboote liegen. Was fehlt, ist das Wasser, dafür gibt es in der Sonne glitzernden Schlick, in dem die Boote wie Kurgäste in einer Fangopackung im Wellnessbad liegen.

„Welches soll es denn sein?“ frage ich. „Das Grösste!“ bekomme ich zur Antwort, hätte ich mir eigentlich denken können 😉

Am Ende des schlüpfrigen, mit den Exkrementen diverser Wasservögel versehenden Steges, liegt ein für unsere unerfahrenen Augen riesiges Segelschiff festgemacht.

Wir nähern uns zögerlich , schon ruft uns ein fröhliches „Moin“ entgegen. Ein älterer Herr in Shorts und Karohemd erwartet uns bereits seit über einer Stunde, wir erklären das Problem mit der Elbfähre, er lacht.

Ungelenk klettern wir an Bord und sehen uns ehrfürchtig um, während der ältere Herr uns mit Informationen über das Schiff beliefert.

Irrtümlicherweise geht er davon aus, das wir Ahnung von Schiffen haben und verstehen, wovon er redet, also nicken wir wissentlich an den dafür vorgesehenen Wortschwallpausen, sagen, hmhm, wenn es erwartet wird und versuchen vergeblich, nicht allzu unerfahren zu wirken.

Das Schiff sieht wirklich schön aus, wie es da so in der Sonne liegt, es hat alle Attribute, die ein Laie von einem Schiff erwartet, vorne lang und spitz, hinten gerade, ein hoher Mast, Segel sehe ich nicht, aber es fährt ja auch nicht, die werden irgendwo versteckt sein (wie gesagt, keine Ahnung).

Dann geht es ins Innere. Warm, lichtdurchflutet, die Holzeinbauten leuchten rötlich im Sonnenlicht… entgegen aller Verkaufsstrategien fange ich an zu grinsen… wie schön das aussieht… gefällt mir gut.

Als würde es das Schiff merken, strahlt noch mehr Sonne durch die Fenster, draussen schwimmt dekorativ eine Entenfamilie vorbei.

Ich sehe mich weiter um, während der Besitzer Abenteuer aus seiner Zeit bei der Handelsmarine erzählt, anscheinend war er so etwas wie der Chuck Norris der Seefahrt.

Bei genauerer Inspektion fällt auf, dass Ducttape die von Chuck bevorzugte Reparaturmethode darstellt, überall finden sich die silbernen Streifen, allein die Badezimmereinrichtung ähnelt dem sorgfältig verschnürten Opfer eines Serienkillers.

Chuck bemerkt meine Blicke und verwandelt sich in Meister Röhrig aus den Werner-Comics..

“ Da muss man büschen wat machen, aber dat ist noch gut, büschen Tüdelband, dann geit dat wohl, do is das Beste noch nich von“

Ich gucke weiterhin skeptisch, das merkt anscheinend auch das Schiff und wirft einen Sonnenstrahl auf eine Messingplakette an der Wand.

„Guck mal, das Schiff kommt aus Plymouth!“ ruft mein Mann, nachdem er dadurch auf die Plakette aufmerksam wurde.

Mit England bin ich immer zu kriegen, das merkt das Schiff auch und wirft den nächsten Sonnenstrahl auf die seltsam geformten Steckdosen mit den drei Löchern. „Englische Steckdosen!“ Ich liebe dieses Schiff bereits, selbst mit den abgenutzen Möbeln, dem Ducttape und den ausgefransten Leinen, rostigen Schrauben und der losen Seereling.

Das Schiff kuschelt sich an mich, als ich probeweise auf dem blauen Polster der Sitzecke Platz nehme.

Auch mein Mann hat bereits ein Leuchten in den Augen, anscheinend hat das Schiff ihm von der grossen weiten Welt erzählt.

„Wir müssen weiter, die anderen Schiffe ansehen“ sage ich und prompt verdunkelt eine Wolke den bis dahin strahlend blauen Himmel.

Wir versprechen uns bei Chuck zu melden, sobald wir uns entschieden haben und klettern wieder auf den Steg. Das Schiff lässt traurig seine Seereling ein bisschen weiter durchhängen und ich flüstere ihm zu, „Wir kommen wieder, versprochen!“

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