Der Englische Patient

Der Englische Patient

Wir liegen am Steg in Otterndorf, es ist sehr frühmorgens und Chuck will ablegen, weil die Tide gerade günstig ist für die Weiterfahrt nach Cuxhaven.

Also beweisen wir wieder unsere mehr oder weniger vorhandenen Fähigkeiten an den Leinen und Fendern und legen ab.

Unter Motor diesmal, da wir am Vorabend noch die Segel heruntergenommen und diese nach mehrminütigem Wrestling mit den erheblichen Widerstand leistenden Stoffbahnen in die dafür vorgesehenen Säcke verbracht haben.

Es geht weiter die Elbe herunter, Richtung Nordsee, grosse Containerschiffe kommen uns entgegen, wieder ruft die grosse Freiheit… ich zähle Bojen…

Dann fängt es an zu regnen.

Chuck grinst und zählt die Vorteile seines dunkelblauen Teletubbie-Fleeceanzug unter seiner 100% wasser- und winddichten Segeljacke auf, während wir in unseren etwa 20% wasserdichten Regenjacken immer nasser und kälter werden. (Die vollkommen durchnässten Segelschuhe ignorieren wir geflissentlich, auch wenn sie durch quatschende Geräusche auf sich aufmerksam machen).

Endlich kommt Cuxhaven in Sicht, zum Glück haben wir den zuständigen Brückenöffner bereits angefunkt und unsere Ankunft angekündigt, wir freuen uns schon auf das Sockenauswringen im Hafen.

Die Brücke ist geschlossen, wir kreisen eine halbe Stunde davor, während es weiter regnet, endlich bleiben die Autos stehen und die Brücke wird geöffnet, (vermutlich, nachdem der Brückenwärter in aller Ruhe seine Zeitung zusammengelegt, die Teetasse sorgfältig abgestellt und sich unter einem genervten Stöhnen aus dem Lehnstuhl neben dem Kachelofen gehievt hat, um den Öffnungsknopf zu drücken).

Am nächsten Morgen dann fahren wir zur Werft, dort werden wir bereits erwartet zum vereinbarten Checkup, bevor das Schiff den winterlichen Wellnessurlaub antreten soll.

Ein paar kleinere Dinge zur Reparatur werden sicherlich erforderlich sein, denken wir und deshalb soll die Werft sich das einmal genauer ansehen.

Wir verabschieden uns vom Schiff und fahren nach Hause.

Nach einigen Tagen bekommen wir dann den ersten von noch weiteren vielen ominösen Anrufen, uns das Schiff vor Ort anzusehen und ein paar Punkte gemeinsam durchzugehen, nachdem der Mast gelegt und das Schiff näher inspiziert wurde.

„Das hört sich nicht gut an“, denken wir und fahren nach Cuxhaven. Wir werden mit Kaffee und Kuchen empfangen, ein schlechtes Zeichen.

Unter fachkundiger Führung sehen wir uns den Mast an, bewundern die Tatsache, dass das Radar an nur einer Schraube ohne Gegenmutter anscheinend nur durch Chucks Superkräfte so lange am Mast gehalten hat, nehmen mit Interesse zur Kenntnis, dass es möglich ist, Aluminium komplett durchzuscheuern und sind erstaunt, dass die Fallen und Leinen, welche dem Anschein nach noch aus der Zeit von James Cook stammten, die Segel bislang bewegt haben.

„Na gut“ sagen wir, „das werden wir erneuern müssen, wir wollen ja sowieso neue Navigationsinstrumente einbauen lassen (oder überhaupt erst einmal Navigationsinstrumente abgesehen Chucks Seekarten, die seiner Meinung nach völlig ausreichen, “ Wat wollt ihr denn mit som neumodischen Firlefanz?“ wie sich der Meister des Old-School-Segelns wunderte, als wir ihm von unserem Vorhaben erzählen).

Es folgten noch viele ähnliche Anrufe der Werft mit weiteren Besichtigungsterminen und noch mehr Kuchen.

Toiletten, Schläuche, Elektrik, Herd, Gasleitungen, alles muss erneuert werden, der alte Fischer-Panda Generator fliegt raus, an seine Stelle kommt ein Fäkalientank, neue Batterien, neue Solarpanels, die Liste wurde immer länger, die Rechnung immer höher.

Das Bugstrahlruder funktioniert nicht richtig, der Motor vermutlich auch nicht mehr allzu lange, mittlerweile ist es auch egal, wir lassen alles erneuern.

Nur die englischen Steckdosen müssen selbstverständlich so bleiben!

Unser Englischer Patient im Operationssaal

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