Ab in die Wüste oder „Lawrence von Amrum“…

Ab in die Wüste oder „Lawrence von Amrum“…

Diesmal ist die Sonne bereits aufgegangen, das Meer ist ruhiger und wir motoren aus dem Hörnumer Hafen, neben uns grinsen die Robben auf der Sandbank und drehen sich gelangweilt wieder in die Sonne.

Der Wind nimmt zu und wir setzen die Segel; mit Rückenwind nach Amrum… vorerst jedenfalls.

Damit ich mich nicht zu sehr an ein geruhsames Segeln gewöhne, beschliesst der Wind zu drehen und aufzufrischen, zeitgleich mit der Kursänderung, um Amrum anzulaufen… da war sie wieder, die Welle von der Seite… aber diesmal bleibt die Pütz in der Backskiste, langsam wachsen die Seebeine.

Durch Wind, Wellen und Regen versuchen wir die winzigen Fahrwassermarkierungen zu erkennen, und laufen in den Amrumer Hafen ein.

Alles voll bis auf eine Lücke, in die vermutlich nur ein Ruderboot passen würde, also beschliessen wir, seitlich an einem Segelschiff anzulegen. Ein entsetzter Blick von der weibliche Hälfte des Seglerpaares genügte, wir werden darüber informiert, dass der Skipper natürlich am nächsten Morgen ganz früh raus will, seine aufgeregte Partnerin beäugt derweilen misstrauisch unser Boot und überlegt, ob sie ihre frische Maniküre ruinieren soll, um einen Fender auszubringen.

Um ihr den erneuten Gang ins Nagelstudio zu ersparen, drehen wir um und legen uns neben einen netten Motorbootfahrer, der uns mit den Leinen und Fendern hilft, mittlerweile ist viel auflandiger Wind, das Schiff möchte eng mit seinem neuen Nachbarn kuscheln, zum Glück haben wir mehr als genug Fender.

Später suchen wir den Hafenmeister, der ist aber nur vormittags da ausser Donnerstag, da kommt er nur abends. Morgen ist Donnerstag, also kein Hafenmeister, ergo keine Dusche, egal.

Mittlerweile scheint die Sonne wieder, also beschliesst Chuck, dass es Zeit für einen Spaziergang wird.

Am Deich lang Richtung Ortschaft, vorbei an Kühen, Hagebuttensträuchern und dem Wattenmeer, immer weiter… ein kleiner Spaziergang für Chuck, für uns eine Tageswanderung.

Corona ist auch hier angekommen, die wenigen geöffneten Restaurants sind voll, wir biegen in eine Seitenstrasse ab, finden ein kleines Cafe, wir haben Glück , eine Gruppe bricht auf und wir übernehmen ihren Platz im Strandkorb… leckeres Essen, zufrieden machen wir uns auf den Rückweg, vorher noch einen Abstecher auf den Friedhof, die Grabsteine erzählen Geschichten von fernen Ländern, stolzen Kapitänen und deren Schicksal, trutz, Blanke Hans…

Heute gehen wir früh schlafen, morgen mittag mit der Tide geht es wieder zurück nach Helgoland.

„Morgen machen wir noch einen kleinen Strandspaziergang vor dem Ablegen “ droht Chuck uns am Abend.

Am nächsten Tag wecken uns die Sonnenstrahlen, die durch die Luke auf das Kopfkissen scheinen, Frühstück mit Amrumer Marmelade (gekauft von einem kleinen Stand an der Strasse, Geld in ein leeres Glas geworfen, Marmelade mitgenommen), dann ein kurzer Spaziergang um Strand. (Wir sollten es mittlerweile besser wissen..)

Es geht entspannt los, über einen Holzsteg duch ein Kiefernwäldchen die Bäume vom Westwind verformt, bizarre Formen, es riecht nach Saunaaufguss und Meer, später dann Heidekraut, ich esse Hagebutten und Brombeeren vom Wegrand…

„Sind wir bald da?“ höre ich mich quengeln, da tauchen hinter einer Wegbiegung die Dünen auf, „aha“ denke ich, „dahinter kommt dann das Meer“.

Düne hoch, Düne runter, kein Meer.

Ich stehe vor einer schier endlosen Sandwüste, der Wind weht Sandschleier über die Rippelmuster, in meinem Kopf spielt ein mit einem Poncho gekleideter Cowboy Mundharmonika, ein Ball aus Wellhornschneckeneiern weht vorbei wie Tumbleweed…

Wir gehen weiter, Richtung Wasser, der Sand ist trocken, ich sinke ein, kämpfe mich voran, neben mir der Gerippe eines verendeten Kamels, der letzte Tropfen Wasser aus der Trinkflasche verdampft im heissen Sand, über mir kreisen schon die Geier wartend…

„Wo bleibst Du denn?“ ruft eine Stimme aus der Ferne, ich schrecke hoch, die Geier verwandelt sich in einen Möwenschwarm, laut lachend schwingen sie sich in die Luft neben mir.

Chuck und der Mann an meiner Seite sind als kleine Figuren, flirrend in der Hitze, zu erahnen.

Ich kämpfe mich weiter durch die Sandwüste, näher am Wasser wird der Sand fester, ich komme voran.

Chuck meint, wir müssen uns beeilen, wenn wir noch nach Helgoland wollen und sprintet fröhlich los; wir keuchen hinterher, der Mann an meiner Seite meckert schlechtgelaunt vor sich hin, Mr.Grumpy statt Peter O`Toole…

Gefühlte Stunden später stehen wir vor dem Hafen, Chuck stellt sich an der Krabbenbude an, kommt wieder mit einer Tüte voller Panzertiere zurück und plant bereits das Abendessen.

Wir legen ab, Richtung Helgoland, diesmal ohne Wind ,aber mit Krabben. Chuck und ich pulen den ganzen Weg, während ich mich abmühe, die kleinen Biester aus ihren Rüstungen zu ziehen, springen sie bei Chuck durch reine Willenskraft freiwillig nackt in die Schüssel… nur dadurch ist zu erklären, warum er doppelt so schnell im Pulen ist.

Später dann auf Helgoland, Krabben mit Schwarzbrot und Spiegelei und müde in die Koje… während der Leuchtturm über uns sein Licht in die Nacht strahlt.

28 Seemeilen weit…

Dunes… der Wüstenplanet

Land in Sicht…


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